Stiftung Juvente

Paul Becker zum Abschied

Lieber Paul,

Es war einmal . . .

so fangen alle Märchen an. Das Engagement, zu dem Du Dich vor nun mehr 40 Jahren entschieden hast, ist kein Märchen geblieben, sondern hat Kreise gezogen und hat sich zu einem großen Unternehmen entwickelt, das heute nicht mehr nur 3 Jugendlichen, sondern über 300 jungen Menschen die Chance bietet, trotz vieler Hindernisse in früher Jugend einen Weg ins Leben zu finden. Darüber hinaus finden Hunderte von Betroffenen Unterstützung und Begleitung in den vielfältigen hinzugekommenen Angeboten. Heute ist es an der Zeit, dankbar darauf zu blicken und davon zu berichten:

Am Anfang, im Jahr 1979, steht Paul Beckers ehrenamtliche Initiative, drei Jugendliche in der verwaisten „Pfarrerswohnung“ von Fritz Röper zu betreuen. Wunsch ist es, jenen Jugendlichen aus dem damaligen Brennpunkt „Zwerchallee“, die unschuldig an den Rand der Gesellschaft und in das Aus von Chancengleichheit geraten sind, zu einer Chance zu verhelfen. Vollkommen unaufgeregt und pragmatisch setzt er die Idee um, ganz konkret mit den Betroffenen das Leben zu teilen und aus einer glaubwürdigen, ganzheitlichen Haltung heraus, junge Menschen ernst zu nehmen, zu ermutigen und sie zu unterstützen. Damals wie heute ist sein Grundanliegen: Kindern und Jugendlichen mit schwierigen Startbedingungen die Chance zu geben, ein gutes Leben zu führen und sie zu unterstützen etwas aus sich zu machen. Dem hat sich alles unterzuordnen! Weltanschauung, Religion, Geschlecht, Herkunft und Identität finden ihren Raum. Alle sind willkommen, für alle hat er ein offenes Ohr.

Das bleibt nicht unbemerkt. Die erste kleine Zelle der zukünftigen „WG Becker“ ist geboren. Das Angebot erregt Aufmerksamkeit und fällt auf fruchtbaren Boden. Es braucht eine Betriebserlaubnis und einen diplomierten Sozialarbeiter. Mit der ihm eigenen Beharrlichkeit, der das Unternehmen auch seine heutige Umfänglichkeit verdankt, tut er alles dafür, dass diese kleine Zelle wachsen und gedeihen darf. Durch ein begleitendes Studium der Sozialen Arbeit entsteht auch das notwendige fachliche Fundament für die Unternehmensgründung. Nebenbei arbeitet er für den persönlichen Lebensunterhalt im Kinderheim „Karuschkat“. Seiner Energie scheint keine Grenze gesetzt.

Wenige Jahre später öffnet die erste professionelle sozialpädagogische Jugendwohngemeinschaft unter dem Dach des Gründervereins „Spielende, lachende, lernende Kinder“ e.V., in der Paul Becker mit den Jugendlichen über 15 Jahre zusammenlebt. Erste Mitarbeiter werden eingestellt.  Im Wohnzimmer wird geteamt, gefeiert, heiß diskutiert und um jeden einzelnen Jugendlichen gerungen. Rausschmiss gibt es nicht. Seine Begeisterung für die Sache birgt Ansteckungsgefahr. Die kleine Zelle wächst und wächst und wächst, …. Manch einem wird dabei unterwegs schwindelig. Es gibt neidvolle Blicke.  Nicht alle sind begeistert, dass „der Becker“ so wächst und wie eine „Krake“ Felder besetzt. Ihn selbst amüsiert das und motiviert ihn, unbeirrt seinen Weg zu gehen.

Unermüdlich setzt er sich dafür ein, dass aus der kleinen WG Becker eine attraktive Einrichtung der Jugendhilfe, die „Stiftung Juvente Mainz“ erwächst. Vom Kind „WG-Becker“ zur Jugendlichen „Sozialpädagogische Jugendwohngemeinschaft“ hin zur Erwachsenen „Stiftung Juvente Mainz“ stellt sich Paul Becker mit seiner mitarbeitenden Mannschaft allen Entwicklungsherausforderungen. Alle dürfen mitgestalten, sich einbringen, persönlich wachsen. Herzensanliegen ist ihm, dass die Einrichtung mit so breitgefächerter Kompetenz auftritt, dass sie aus sich heraus in der Lage ist, optimal und auch unkonventionelle, an den Bedarfen des Einzelfalls orientierte Hilfe-Konstrukte zu entwickeln. Und er ist wachsam! Er hört zu, erkennt die sozialen Herausforderungen in der Stadt Mainz, fürchtet sich nicht vor Neuem.

Es ist gelungen! Das Angebot ist umfänglich gewachsen und inzwischen sehr breit gefächert.

Mit ihren vielen Geschäftsbereichen – von der Kindernotaufnahme über die offene Jugendarbeit bis zur Obdachlosen - und Flüchtlingshilfe – ist Juvente aus der sozialen Infrastruktur der Region heute nicht mehr wegzudenken. Nach knapp 40 Jahren übergibt der Gründervater Becker ein Sozialunternehmen, dem heute mehr als 300 festangestellte Fachkräfte, über 80 Studierende und weit über Hundert ehrenamtliche und sonstige Mitarbeitende angehören. 

Paul Becker scheut das Rampenlicht. Mittelpunkt in der Öffentlichkeit zu sein, meidet er wo immer möglich. Umso größer jedoch ist seine Präsenz im Hintergrund, an der Basis und spätestens sein lautes und ansteckendes Lachen zieht alle Aufmerksamkeit auf ihn. Humorvoll, weltoffen, engagiert, ehrlich, spontan und authentisch sind Eigenschaften, die alle, die ihn je getroffen haben, mit ihm in Verbindung bringen. Authentisch ist auch seine Impulsivität, was durchaus zu Verletzungen führen kann. Doch zeigt sich dann auch gleich seine wohl größte persönliche Stärke: Er ist kritik- und reflexionsfähig, erkennt eigene Fehler und kann sich aufrichtig und aus vollem Herzen entschuldigen. Und so stehen ihm selbstbewusste, engagierte Mitarbeitende zur Seite – einige davon schon ihr ganzes Berufsleben lang.

Noch etwas zeichnet Paul Becker aus: Er kann loslassen, anderen Raum geben, sie wachsen lassen. Und das tut er nun ein letztes Mal, auch wenn es schmerzt, nicht mehr der Gestalter des Unternehmens und als anregender, kompetenter Gesprächspartner und Gestalter von sozialen Räumen gefragt zu sein. Er wird neue Räume für sich selbst erobern, Verlust in Gewinn verwandeln. Er wird den Bürostuhl gegen den Lesesessel und den Fahrradsattel tauschen, die problembeladene Stadt gegen den Gemüsegarten, den Weg zur Arbeit gegen die Radwege der Region. Auch wird er im Kuratorium der Stiftung Juvente Mainz mit seinem großen Knowhow und Gespür für die Jugendhilfelandschaft aktiv bleiben. Auf das, was ihm sonst noch so einfallen wird, darf man gespannt sein. Er wird seine Chancen sehen und nutzen – das hat er schließlich ein Berufsleben lang geübt.

Mit diesem Rückblick ziehen wir den Hut vor Deiner Lebensleistung und danken Dir aus ganzem Herzen für Deine verantwortungsvolle Sorge für das Unternehmen und alle daran beteiligten Menschen.

Du hast Deinen Abschied gut vorbereitet und vertrauenswürdige, kompetente Menschen in Deiner Nachfolge als neue Geschäftsführer ausgewählt. Es bleibt uns nur, Dich loszulassen und unser Bestes zu geben, damit das Unternehmen, Deinen Spuren folgend, mutig eigene, neue Schritte wagt. Wir wünschen Dir für Deinen wohlverdienten Ruhestand, dass auch Du heiter und mutig neue Räume des Lebens beschreitest und das Leben weiterhin genießt.

Deine Mitarbeiterschaft

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